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Kein Wasser, kein Mond

Als die Nonne Chiyono Zen bei Bukko of Engaku studierte, war sie eine lange Zeit über nicht in der Lage, die Früchte der Meditation zu ernten. Schließlich holte sie während einer mondhellen Nacht Wasser – in einem alten Eimer, der mit Bambus zusammengebunden war. Dieser Bambus brach, der Boden fiel heraus, und in diesem Moment war die Nonne erleuchtet! Im Gedenken an diesen Moment, schrieb sie ein Gedicht:*

Auf die eine oder andere Weise habe ich den alten Eimer zu retten versucht
seit dem die Bambusstreifen aufweichten und zu brechen drohten
so dass schließlich der Boden herausfiel.
Kein Wasser!
Kein Mond!

Der Mond – so die traditionelle Deutung – benötige das Wasser als Spiegel: das Wasser sei eine Metapher für unseren Geist und der Eimer eine Metapher für unser Ego. Nur wo bleibt bei dieser klassischen Textinterpretation die Nonne? Nun: ihr Wort bzw. Begriff Mond macht aus dem Licht am Himmel erst den Mond als Erdtrabant oder was auch immer einen Mond als Mond kennzeichnet. Ohne dass das Erkenntnissubjekt ‚dies ist der Mond‘ aussagt, bleibt er ein bloßes Licht. Also kann man  systematisch nicht aussagen, was der Mond wirklich ist. Denn jede Aussage über ihn – auch die der Mond sei ein bloßes Licht – ist ja selbst wieder eine sprachliche Verengung. Was der Mond wirklich ist, ist allerdings erfahrbar. Im Zazen.

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