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Ein immanent amoralisches Zen?

Vor kurzen ist einem buddhistischen Zen-Abt aus der Nähe von Frankfurt der sexuelle Missbrauch von Zen-Schülern vorgeworfen worden. Dies bietet Anlass und Gelegenheit, die Frage nach der Moral und Zen einmal grundsätzlich zu stellen:

Wenn die Essenz des ZEN das Sein im Hier und Jetzt ist, wenn Zazen das Üben dieses Hier-Und-Jetzt-Seins ist, das dann auch im ‚weltlichen‘ Sein zu leben ist, und wenn es dahinter oder daneben keinen anderen Sinn von Zen gibt – ja, wenn es dahinter oder daneben überhaupt keinen anderen Sinn des Lebens gibt -, dann darf doch auch noch der eifrigste Kinderschänder – ganz Zen-gemäß – beanspruchen, sich im Hier und Jetzt „zu vergnügen“. Und dann kann doch auch noch der letzte KZ-Scherge, der mieseste IS-Terrorist behaupten, ganz im Sinne von Zen seinem „Handwerk“ nachgegangen zu sein.

Wie also – liebe Zen-Meister – kommt die Moral ins Zen und daraus wieder heraus in die Welt? Wie legitimiert sich eine Moral aus dem Wesen des Zen?

Schärfen wir das Problem noch etwas:

Bei den Christen gibt es die 10 Gebote. Gott hat sie Mose direkt übergeben. Andere Sollensvorschriften kommen von Jesus, dem Sohn Gottes. Oder von Paulus, dem durch den Heiligen Geist bekehrten. Die Gebote gelten mithin, weil sie direkt oder indirekt von Gott kommen. Im Islam gibt es analoge Konstrukte. Bei Kant gründet sich die Moral aus dem Vernunft heraus. Diese ermittelt das letzte Prinzip, den kategorischen Imperativ, aus dem dann jeder Mensch – so die positive Hoffnung – die richtigen moralischen Leitsätze ableitet, die ihrerseits ob der Ableitung aus der Vernunft legitimiert sind.

Wo ist nun im Zen eine solche moralische Legitimation von Geboten oder Verboten? Und wenn es die nicht gibt, wenn es vielleicht sogar überhaupt keine Gebote gibt, wie gehen wir dann mit kinderschändenden Zen-Meistern um?

Manche mögen sagen, dass das Wissen um das Gute und Richtige aus dem erleuchteten Zen-Adepten selbst komme, dass es ihm in dem Moment zuwachse, wo er seine wirkliche Natur wahrnimmt: der erleuchtete Zen-Buddhist handele aus dem Hier und Jetzt heraus, ohne irreführende Konzepte und Meinungen zu ‚bedenken‘. Und darum sei sein Handeln per se angemessen und also gut und richtig. Einer weiteren moralisch rechtfertigenden Instanz bedürfe es dann nicht, die Tatsache der Erleuchtung reiche.

Dann aber haben wir ein Problem: wie sollen wir die gute Erleuchtung von Ihnen, verehrte Zen-Meister, von der des kinderschändenden Zen-Meisters aus  Frankfurt unterscheiden? Gibt es zwei Arten der Erleuchtung, eine gute und eine schlechte? Und wenn nicht, wer entscheidet dann wie und woran, dass Sie, liebe Zen-Meister wirklich erleuchtet sind, jener Frankfurter Missbrauchs-Zen-Meister aber nicht?

Wahrscheinlich werden nun wieder einige antworten wollen, dass Zen per se nicht zwischen gut und schlecht oder zwischen richtig und falsch entscheide. Sie werden sagen wollen, dass solche moralischen Urteile ebenso auf irreführenden Weltkonzepten beruhen, wie alle anderen ‚Erkenntnisse‘ auch. Und  – so werden sie schließen – ein ‚richtiger‘ Zen-Buddhist werde darum auch nicht zwischen richtig und nicht richtig erleuchteten Zen-Meistern unterscheiden. Allerdings – das ist dann die bittere Implikation – toleriert und unterstützt diese Position dann auch den kinderschändenden Zen-Meister, einfach, weil sie ihm weder systematisch noch konkret Einhalt gebietet.

Wie also – liebe Zen-Meister – entkommen wir dem Dilemma eines amoralischen Zen auf der einen Seite und eines Zen mit übergeordneten Regeln auf der anderen Seite? Und wenn das Dilemma keines ist, wie kommt dann die Moral ins Zen und wie sie legitimiert aus dem Zen in die Welt?

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